ANKLAGESCHRIFT

Wenn Ihnen eine Anklageschrift zugestellt wird, beachten Sie die beiden folgenden Ratschläge:

1. Machen Sie vorerst keine Angaben zur Sache

Nach dem im Grundgesetz festgeschriebenen Grundsatz, dass niemand verpflichtet ist, sich selbst zu belasten, können Ihnen für den Fall, dass Sie nichts zur Sache aussagen, in einem eventuellen Urteil hieraus keine nachteiligen Schlüsse gezogen werden (wie etwa: "Wer nichts sagt, hat etwas zu verbergen"). Machen Sie deshalb keine - wirklich überhaupt keine - Angaben zur Sache, ehe Sie nicht mit Ihrem Verteidiger den Inhalt der Anklageschrift besprochen haben, egal wie unbegründet oder an den Haaren herbeigezogen Ihnen der Vorwurf oder auch gewisse Teile des Vorwurfes der Staatsanwaltschaft er-scheinen. Bedenken Sie immer, dass die Staatsanwaltschaft als Anklagebehörde Ihnen die mit der Anklageschrift vorgeworfene Tat nachweisen muss, nicht Sie müssen umgekehrt beweisen, dass Sie unschuldig sind, oder der Anklagevorwurf so nicht zutrifft.

 

Machen Sie auch zur Person lediglich die Pflichtangaben gemäß § 111 OWiG (Vor-, Familien-, und Geburtsnamen, Ort und Tag der Geburt, Familienstand, Beruf, Wohnort, Wohnung und Staatsangehörigkeit), darüber hinaus aber keinerlei Angaben, bevor Sie nicht mit uns gesprochen haben.  

 

2. Suchen Sie sich einen Strafverteidiger
Sie sollten einen versierten Strafverteidiger aufsuchen, damit dieser zunächst einmal Akteneinsicht in die der Anklageschrift zugrunde liegende Strafakte erhält. Denn der Verteidiger ist im Strafverfahren befugt, die Akten, die dem Gericht von der Staatsanwaltschaft nach Anklageerhebung vorgelegt worden sind, einzusehen und die amtlich verwahrten Beweisstücke zu besichtigen; der Beschuldigte kann selbst zwar auch Akten-einsicht beantragen; die gesetzliche Regelung hierfür ist aber mit derart vielen Einschränkungen versehen, dass in der Praxis dieses Recht praktisch leer läuft. Nach Sichtung bzw. Fotokopie der Akten wird der Verteidiger mit Ihnen den Inhalt erörtern und mit Ihnen gemeinsam eine geeignete Verteidigungsstrategie aufbauen.

 

3. Angeschuldigter im Strafverfahren nach Zustellung der Anklageschrift

Zum terminologischen Verständnis sei vorangestellt, dass ein Beschuldigter derjenige ist, gegen den ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde. Angeschuldigter ist derjenige, gegen den die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben hat, Angeklagter ist derjenige, gegen den Anklage erhoben ist und gegen den das Hauptverfahren vom Gericht eröffnet worden ist. Als Ange-schuldigter haben Sie - ebenso wie als Beschuldigter - Vert-eidigungsrechte, deren frühestmögliche Wahrnehmung durch einen strafrechtlich versierten Verteidiger das Strafverfahren wesentlich verkürzen oder zu dessen Einstellung führen kann.

 

a) Recht auf Verteidigung

Der Beschuldigte hat (nach § 137 der Strafprozessordnung) das Recht, zu jedem Zeitpunkt des Verfahrens einen Verteidiger zur Wahrnehmung seiner Rechte hinzuzuziehen. Mit seinem Ver-teidiger kann der Mandant die Vorgehensweise in Bezug auf den Tatvorwurf der Staatsanwaltschaft und auf das weitere Ver-fahren erörtern; der Verteidiger wahrt die Rechte seines Mandanten und stellt sicher, dass Gericht und Strafver-folgungsbehörde Angeschuldigtenrechte nicht 'der Einfachheit halber' verkürzen oder völlig missachten, was in der Praxis leider häufig geschieht.

 

b) Anspruch auf rechtliches Gehör

Der Anspruch auf rechtliches Gehör ist eine Folgerung des grundgesetzlich garantierten Rechtsstaatsprinzips für den Bereich aller staatlichen Verfahren. Der Einzelne soll nicht nur Objekt des Verfahrens sein, sondern er soll gehört werden vor einer Entscheidung, die seine Rechte betrifft - hier vor allem das Freiheitsrecht (Freiheitsstrafe) und das Recht am Eigentum (Geldstrafe), aber auch das Recht der allgemeinen Handlungs-freiheit (Fahrverbot, Entzug der Fahrerlaubnis) oder das Recht auf freie Berufsausübung (Berufsverbot als Nebenfolge der Strafe). Bei seiner Anhörung kann der Angeschuldigte bzw. sein Verteidiger all das geltend machen, was den Tatvorwurf auszuräumen geeignet ist, bzw. was für den Beschuldigten spricht und zu einer Ablehnung der (mit der Anklageschrift von der Staatsanwaltschaft beantragten) Eröffnung des Haupt-verfahrens führen kann.

 

Das Problem im Strafverfahren besteht darin, dass mit einer Äußerung der Beschuldigte sein Schweigerecht aufgibt, was zu seinen Lasten gewertet werden kann. Anders ist dies bei den Angaben des Verteidigers, da diese keine Einlassung des Be-schuldigten darstellen, dessen Schweigerecht also nicht ausge-hebelt wird, dennoch wirkungsvoll den strafrechtlichen Vor-würfen entgegengetreten werden kann. 

 

c) Beweisantragsrecht

Um den Anspruch auf rechtliches Gehör nicht als bloße Formalie und zahnlosen Papiertiger erscheinen zu lassen, wird dem Be-schuldigten bereits wie im Ermittlungsverfahren, so auch im Zwischenverfahren das Recht, einzelne Beweisanträge zu stellen, eingeräumt. Damit hat der Angeschuldigte die Möglich-keit, ihn entlastende Beweismittel nicht erst in der Hauptve-rhandlung, sondern bereits im davor liegenden Verfahrens-stadium zu seinen Gunsten in den Strafprozess einzuführen.

Auch dies sollte durch den Verteidiger geschehen, um die un-mittelbare Rückkopplung auf den Beschuldigten und damit die Aushebelung seines Schweigerechts zu vermeiden. 

 

d) Anwesenheitsrecht (außerhalb der Hauptverhandlung)

Zur Wahrnehmung der Verteidigungsinteressen des Ange-schuldigten wird diesem und seinem Verteidiger bei der richter-lichen Vernehmung von Zeugen oder Sachverständigen ein Anwesenheitsrecht eingeräumt. Dem Angeschuldigten wird so ermöglicht, zu Zeugenaussagen, die ihn belasten, Stellung zu nehmen bzw. dem Zeugen Fragen zu stellen.

 

e) Fragerecht

Der Verteidiger - nicht aber der Angeschuldigte - hat bei richterlichen Vernehmungen eines (Belastungs-) Zeugen außerhalb der Hauptverhandlung ein Fragerecht. Durch Fragen seitens der Verteidigung kann die Aussage des Zeugen auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft werden und man kann mögliche Widersprüche aufdecken. Die Aussage wird im wahrsten Sinne des Wortes durch den Verteidiger "hinterfragt". In der Hauptverhandlung hat auch der Angeschuldigte (der dann Angeklagter ist) ein Fragerecht gegenüber den Zeugen und Sachverständigen.

 

4. Wahrung der Angeschuldigtenrechte durch den Verteidiger

Obwohl - jedenfalls nach der Theorie des Gesetzes - Gericht und Staatsanwaltschaft die belastenden und die entlastenden Umstände gleichermaßen ermitteln müssten, ist der erforder-liche Schutz für den Angeschuldigten erst dann sichergestellt, wenn sich ein eigens für dessen Verteidigung ausersehener Prozessbeteiligter, der im Verfahren formell besonders her-vortritt, um die Belange des Angeschuldigten kümmert. Das ergib sich bereits aus dem in Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 20 Abs. 3 des Grundgesetzes verfassungsrechtlich abge-sicherten Recht des Angeschuldigten auf ein faires und rechts-staatliches Verfahren. Der Angeschuldigte ist im Rechtsstaat nicht nur Objekt des Verfahrens, sondern Verfahrenssubjekt, d.h. es muss ihm die Möglichkeit eingeräumt werden, das Ver-fahren maßgeblich zu beeinflussen. Selbst nach einer Ent-scheidung des Bundesgerichtshofes (BGHSt 38, 215, 219) ist eine Wahrheitsermittlung um jeden Preis nicht erlaubt.

 

Rechte von Angeschuldigten geltend zu machen, setzt zu-nächst zwingend voraus, sie ihrem Umfang und ihrem Inhalt nach genau zu kennen. Des weiteren ist zur Durchsetzung der Angeschuldigtenrechte erforderlich, dass man die Verfahrens-weise ihrer Geltendmachung beherrscht, d.h. die sogenannten Rechtsmittel und Rechtsbehelfe der Strafprozessordnung, wie Berufung, Revision, Beschwerde, sofortige Beschwerde, Be-setzungsrüge, Widerspruch und viele andere 'aus dem FF' kennt. Da es der Verteidiger ist, der Verfahrensverlauf und auch Verfahrensausgang maßgeblich zu beeinflussen vermag, ist es in jedem Strafverfahren sinnvoll, einen Spezialisten mit der eigenen Verteidigung zu beauftragen.